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Fledermäuse - faszinierende Mitbewohner von Gießen

Bearbeiter: Karl Kugelschafter, Markus Dietz

Die Forschungen Naturerlebnis Fledermäuse in Gießen Ausblick

Die Forschungen Seitenanfang

PhilosophenwaldAnfang 1992 begannen wir mit der Erforschung von Fledermäusen im Bereich "Wieseck-Aue" und "Philosophenwald" im Stadtgebiet von Gießen. Vor dem Hintergrund, das Fledermäuse die gefährdetste Säugetiergruppe in Mitteleuropa sind, lautet die Grundfragestellung bis heute: Wie können Fledermäuse einen von uns Menschen vollkommen geprägten Lebensraum wie das Stadtgebiet von Gießen nutzen bzw. Welche Lebensmöglichkeiten bieten sich überhaupt noch in einem Stadtlebensraum?

Im Laufe der folgenden Jahre erbrachten die Untersuchungen eine Reihe erstaunlicher und unerwarteter Ergebnisse, die in Fachkreisen bald bundesweit für Aufsehen sorgten. So beherbergt der nur 20 Hektar große und völlig von Siedlungen umgebene Philosophenwald große Kolonien der Wasserfledermaus und des Großen und Kleinen Abendseglers. Alle drei Fledermausarten besiedeln Baumhöhlen im Philosophenwald, die wiederum im wesentlichen durch Spechte geschaffen werden.

Quartier des Großen Abendseglers in BaumhöhleNeben der Bedeutung von Baumhöhlen als Wohnraum für Fledermäuse und andere Tiergruppen wurde bald deutlich, daß der Philosophenwald nur ein Teil des Lebensraumes der dort ansässigen Fledermäuse ist. Allabendlich fliegen die Tiere an die Schwanenteiche, an die Lahn und mehrere Kilometer weit in die Umgebung von Gießen, um in geeigneten Jagdgebieten Insekten zu erbeuten. Durch die Markierung der Fledermäuse mit Unterarmklammern (ähnlich dem Prinzip der Vogelberingung) wissen wir, daß beispielsweise die Wasserfledermäuse im Winter den Philosophenwald verlassen, um im Bereich von Dillenburg unterirdische und frostsichere Quartiere (z.B. Bergwerksstollen) aufzusuchen, in denen sie Winterschlaf halten können.

Viel großräumiger sieht der Jahreslebensraum des Großen Abendseglers aus: Tiere, die in Gießen geboren werden, wandern nach Süden, um im Raum Hanau oder im Bereich der Bergstraße zu überwintern, während umgekehrt Abendsegler aus Nordostdeutschland (z.B. Brandenburg) bis nach Gießen kommen, um in den Baumhöhlen zu überwintern. Wir kennen mittlerweile mehr als zehn Bäume mit großen Winterschlafgruppen des Großen Abendseglers, wobei alleine in einer gut untersuchten Buche über 800 Tiere den Winter verbringen. Da sich solche Überwinterungsgebiete durch Traditionsbildung langsam entwickeln müssen Lebensräume möglichst unverändert bleiben, um die guten Lebensbedingungen für die Fledermäuse zu erhalten.

Das Beispiel Philosphenwald ist mittlerweile ein Lehrstück für die überregionale Vernetzung von Lebensräumen über viele hundert Kilometer hinweg. Dies wiederum erfordert auch ein überregionales Denken bei der Entwicklung von Schutzkonzepten für Fledermäuse.

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   Durch die Besonderheit des Untersuchungsgebietes war es von Beginn an unser Anliegen, die Ergebnisse der Fledermausforschung für die Stadtbewohner transparent zu machen, sie sozusagen teilhaben zu lassen, an der faszinierenden Lebensweise der Fledermäuse. Damit sollte auch ihr nach wie vor schlechtes Image, das ihnen stellenweise immer noch zum Verhängnis wird, verbessert werden. Schließlich geht es auch darum, das Erlebnispotential des Lebensraumes Stadt für die Bewohner deutlich zu machen. Das Naturerlebnis im eigenen Umfeld sollte wenigstens ab und zu den Fernsehabend von Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen ablösen - so etwa unsere Vorstellungen zu Beginn.

Parallel zu unseren Untersuchungen begann wir also unsere pädagogischen Fähigkeiten ein wenig zu schulen, um eben das Naturerlebnis Fledermäuse auch tatsächlich zu einem Erlebnis werden zu lassen. Es wurde eine Exkursionsroute entwickelt, die es ermöglicht, die verschiedenen Fledermausarten im Philosophenwald zu beobachten ohne die Tiere dabei zu stören. Im wesentlichen sieht dies folgendermaßen aus:

  • Treffpunkt für die Exkursionsteilnehmer ist etwa eine Stunde vo Sonnenuntergang am Parkplatz des Altenheims am Rande des Philosophenwaldes.
  • Bis zum Ausflug der Fledermäuse werden die Teilnehmer jeweils altersgerecht und gruppenspezifisch an Fledermäuse herangeführt, z.B. mit großformatigen Bildern, Fledermauspräparaten oder manchmal auch einer lebenden Fledermaus, wenn man gerade ein Pflegetier zur Verfügung hat. Für Kinder gibt es zusätzlich allerhand Lernspiele, mit deren Hilfe die Lebensweise der Fledermäuse deutlicher wird.
  • Einige Minuten nach Sonnenuntergang erscheinen dann auch die echten Fledermäuse. Zunächst noch bei gutem Licht der Große Abendsegler, der mit seinem beachtlichen 40 Zentimetren Flügelspanne immer wieder begeistert.
  • Wenn es dann etwas dunkler wird, erscheinen die Wasserfledermäuse auf ihrer Flugroute zum Schwanenteich. Die Kolonie fliegt jeden Abend die gleiche Strecke, so dass man gute Beobachtungsmöglichkeiten hat.
  • Mit den Wasserfledermäusen geht's zum Schwanenteich, wo man zum Abschluss die Jagdweise der Tiere beobachten kann. Sie kreisen dicht über der Wasseroberfläche und fangen mit ihren Flügeln und manchmal mit ihren Hinterbeinen Insekten, die über dem Wasser schwärmen.
  • Mit diesen Eindrücken gehen die Exkursionsteilnehmer nach Hause, wobei ein vielfaches Dankeschön uns immer wieder ermutigt weitere Veranstaltungen anzubieten.

Nach nunmehr neun Jahren sind die Fledermausexkursion in Gießen fester Bestandteil des sommerlichen Veranstaltungsangebots. Neben der interessierten Öffentlichkeit, für die alle zwei Wochen eine Exkursion angeboten wird, bieten wir nach Anfrage gezielte Veranstaltungen für Schulen und Kindergärten an, um vor allem den Kindern und Jugendlichen Fledermäuse näher zu bringen. Unser Prinzip hierbei ist, das Klassenzimmer in den Wald zu verlegen und im Idealfall sogar ganze Projektwochen zu dem Thema Ökologie und Fledermäuse anzubieten.

Neben dem Bildungseffekt hat diese unmittelbare und direkte Form der Öffentlichkeitsarbeit auch einen praktischen Nutzen für die Fledermäuse:

  • Viele Quartiere im Umkreis wurden aufgrund der erfolgreichen Sympathiewerbung erhalten.
  • Die wichtigen Höhlenbäume im Philosophenwald sind allesamt geschützt, so daß auch zukünftig Abendsegler aus Brandenburg in Gießen überwintern können. Das städtische Forstamt ist mittlerweile stolz auf "seine" Fledermäuse.

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 Bis heute läuft das gesamte Forschungsprojekt Philosophenwald/Wieseck-Aue und die damit verbundene Öffentlichkeitsarbeit ohne Finanzierung. Die Sachmittel werden zum Teil privat oder aus anderen Projekten des Arbeitskreis Wildbiologie finanziert. Unser Veranstaltungsangebot ist - von wenigen Ausnahmen abgesehen - kostenfrei. Bislang ist es der Spaß an der Arbeit mit Menschen und Fledermäusen, der das Projekt trägt. Als Bestandteil der studentischen Ausbildung ist dies teilweise auch in Zukunft gesichert, wobei das hohe inhaltliche und zeitliche Niveau des Projektes ohne Finanzierungsmöglichkeit zur Deckung der grundlegenden materiellen Kosten in Frage gestellt ist.