| Die Forschungen |
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Anfang 1992 begannen
wir mit der Erforschung von Fledermäusen im Bereich "Wieseck-Aue"
und "Philosophenwald" im Stadtgebiet von Gießen. Vor dem Hintergrund,
das Fledermäuse die gefährdetste Säugetiergruppe in Mitteleuropa
sind, lautet die Grundfragestellung bis heute: Wie können
Fledermäuse einen von uns Menschen vollkommen geprägten Lebensraum
wie das Stadtgebiet von Gießen nutzen bzw. Welche Lebensmöglichkeiten
bieten sich überhaupt noch in einem Stadtlebensraum?
Im Laufe der folgenden Jahre erbrachten die Untersuchungen
eine Reihe erstaunlicher und unerwarteter Ergebnisse, die
in Fachkreisen bald bundesweit für Aufsehen sorgten. So beherbergt
der nur 20 Hektar große und völlig von Siedlungen umgebene
Philosophenwald große Kolonien der Wasserfledermaus und des
Großen und Kleinen Abendseglers. Alle drei Fledermausarten
besiedeln Baumhöhlen im Philosophenwald, die wiederum im wesentlichen
durch Spechte geschaffen werden.
Neben
der Bedeutung von Baumhöhlen als Wohnraum für Fledermäuse
und andere Tiergruppen wurde bald deutlich, daß der Philosophenwald
nur ein Teil des Lebensraumes der dort ansässigen Fledermäuse
ist. Allabendlich fliegen die Tiere an die Schwanenteiche,
an die Lahn und mehrere Kilometer weit in die Umgebung von
Gießen, um in geeigneten Jagdgebieten Insekten zu erbeuten.
Durch die Markierung der Fledermäuse mit Unterarmklammern
(ähnlich dem Prinzip der Vogelberingung) wissen wir, daß beispielsweise
die Wasserfledermäuse im Winter den Philosophenwald verlassen,
um im Bereich von Dillenburg unterirdische und frostsichere
Quartiere (z.B. Bergwerksstollen) aufzusuchen, in denen sie
Winterschlaf halten können.
Viel großräumiger sieht der Jahreslebensraum des Großen Abendseglers
aus: Tiere, die in Gießen geboren werden, wandern nach Süden,
um im Raum Hanau oder im Bereich der Bergstraße zu überwintern,
während umgekehrt Abendsegler aus Nordostdeutschland (z.B.
Brandenburg) bis nach Gießen kommen, um in den Baumhöhlen
zu überwintern. Wir kennen mittlerweile mehr als zehn Bäume
mit großen Winterschlafgruppen des Großen Abendseglers, wobei
alleine in einer gut untersuchten Buche über 800 Tiere den
Winter verbringen. Da sich solche Überwinterungsgebiete durch
Traditionsbildung langsam entwickeln müssen Lebensräume möglichst
unverändert bleiben, um die guten Lebensbedingungen für die
Fledermäuse zu erhalten.
Das Beispiel Philosphenwald ist mittlerweile ein Lehrstück
für die überregionale Vernetzung von Lebensräumen über viele
hundert Kilometer hinweg. Dies wiederum erfordert auch ein
überregionales Denken bei der Entwicklung von Schutzkonzepten
für Fledermäuse.
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| Naturerlebnis Fledermäuse in Gießen |
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Durch
die Besonderheit des Untersuchungsgebietes war es von Beginn
an unser Anliegen, die Ergebnisse der Fledermausforschung für
die Stadtbewohner transparent zu machen, sie sozusagen teilhaben
zu lassen, an der faszinierenden Lebensweise der Fledermäuse.
Damit sollte auch ihr nach wie vor schlechtes Image, das ihnen
stellenweise immer noch zum Verhängnis wird, verbessert werden.
Schließlich geht es auch darum, das Erlebnispotential des Lebensraumes
Stadt für die Bewohner deutlich zu machen. Das Naturerlebnis
im eigenen Umfeld sollte wenigstens ab und zu den Fernsehabend
von Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen ablösen - so
etwa unsere Vorstellungen zu Beginn.
Parallel zu unseren Untersuchungen begann wir also unsere pädagogischen
Fähigkeiten ein wenig zu schulen, um eben das Naturerlebnis
Fledermäuse auch tatsächlich zu einem Erlebnis werden zu lassen.
Es wurde eine Exkursionsroute entwickelt, die es ermöglicht,
die verschiedenen Fledermausarten im Philosophenwald zu beobachten
ohne die Tiere dabei zu stören. Im wesentlichen sieht dies folgendermaßen
aus:
- Treffpunkt
für die Exkursionsteilnehmer ist etwa eine Stunde vo Sonnenuntergang
am Parkplatz des Altenheims am Rande des Philosophenwaldes.
- Bis
zum Ausflug der Fledermäuse werden die Teilnehmer jeweils
altersgerecht und gruppenspezifisch an Fledermäuse herangeführt,
z.B. mit großformatigen Bildern, Fledermauspräparaten oder
manchmal auch einer lebenden Fledermaus, wenn man gerade
ein Pflegetier zur Verfügung hat. Für Kinder gibt es
zusätzlich allerhand Lernspiele, mit deren Hilfe die Lebensweise
der Fledermäuse deutlicher wird.
- Einige
Minuten nach Sonnenuntergang erscheinen dann auch die echten
Fledermäuse. Zunächst noch bei gutem Licht der Große Abendsegler,
der mit seinem beachtlichen 40 Zentimetren Flügelspanne
immer wieder begeistert.
- Wenn
es dann etwas dunkler wird, erscheinen die Wasserfledermäuse
auf ihrer Flugroute zum Schwanenteich. Die Kolonie fliegt
jeden Abend die gleiche Strecke, so dass man gute Beobachtungsmöglichkeiten
hat.
- Mit
den Wasserfledermäusen geht's zum Schwanenteich, wo man
zum Abschluss die Jagdweise der Tiere beobachten kann. Sie
kreisen dicht über der Wasseroberfläche und fangen mit ihren
Flügeln und manchmal mit ihren Hinterbeinen Insekten, die
über dem Wasser schwärmen.
- Mit
diesen Eindrücken gehen die Exkursionsteilnehmer nach Hause,
wobei ein vielfaches Dankeschön uns immer wieder ermutigt
weitere Veranstaltungen anzubieten.
Nach nunmehr neun Jahren
sind die Fledermausexkursion in Gießen fester Bestandteil
des sommerlichen Veranstaltungsangebots. Neben der interessierten
Öffentlichkeit, für die alle zwei Wochen eine Exkursion angeboten
wird, bieten wir nach Anfrage gezielte Veranstaltungen für
Schulen und Kindergärten an, um vor allem den Kindern und
Jugendlichen Fledermäuse näher zu bringen. Unser
Prinzip hierbei ist, das Klassenzimmer in den Wald zu verlegen
und im Idealfall sogar ganze Projektwochen zu dem Thema Ökologie
und Fledermäuse anzubieten.
Neben dem Bildungseffekt hat diese unmittelbare und direkte
Form der Öffentlichkeitsarbeit auch einen praktischen Nutzen
für die Fledermäuse:
- Viele
Quartiere im Umkreis wurden aufgrund der erfolgreichen Sympathiewerbung
erhalten.
- Die
wichtigen Höhlenbäume im Philosophenwald sind allesamt geschützt,
so daß auch zukünftig Abendsegler aus Brandenburg in Gießen
überwintern können. Das städtische Forstamt ist mittlerweile
stolz auf "seine" Fledermäuse.
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